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  Geheimnissvolles Land am Nil
  Kopten in Ägypten
 

Christliche Kopten

         

 

Die ersten von ihnen kamen vor etwa 100 Jahren nach Kairo, weil sie als Christen aus anderen Landesteilen vertrieben wurden. Das Sammeln, Sortieren und Wiederverwerten des Mülls bot ihnen häufig die einzige Überlebensmöglichkeit. Die Muslime überließen den Christen gern diese dreckige Arbeit und blickten auf die Kopten herab.

   
Das Kairoer Müllviertel liegt am Rande der Mokattam-Berge. Hier befindet sich die Höhlenkirche des heiligen Samaàn. Der einzige Weg dorthin führt durch Moytamadea. Alle die kommen, müssen durch die Müllstadt. Europäer, die diesen Ort besuchen, bewegen sich abseits der Touristenpfade. Denn in den meisten Reiseführern findet der Weg durch das Müllviertel hinauf zur Felsenkirche keine Erwähnung. Sie muten ihren Lesern die schmutzige Wirklichkeit nicht zu, die unten am Fuß des Berges das Leben der Kopten prägt

 

 
   
 

Zwischen Müll und Mystik

Mit etwa zehn bis zwölf Millionen Gläubigen bildet die koptische Kirche in Ägypten die größte christliche Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten. Während der Anteil der koptischen Christen an der ägyptischen Bevölkerung insgesamt auf knapp zehn Prozent geschätzt wird, sind sie im Wirtschaftsleben überproportional mit etwa 20 Prozent vertreten. Die Kopten verstehen sich als die Nachfahren der alten Ägypter, die der Islamisierung des Landes im 7. Jahrhundert trotzten. Als ihren Kirchengründer betrachten sie den Apostel Markus, der 62 Jahre nach Christus in Ägypten missioniert haben soll. Im Jahr 451 trennte sich die koptische Glaubensgemeinschaft von der orthodoxen Kirche in Byzanz. Anlass der Trennung war ein Glaubensstreit. Mit der Auffassung, dass sich das göttliche und das menschliche Wesen in der einen Natur Jesus Christus' verbunden habe, grenzten sich die Kopten sowohl gegen Rom als auch gegen Byzanz ab. In der orthodoxen und katholischen Kirche gilt bis heute die Lehre von den zwei Naturen Jesus', der göttlichen und der menschlichen zugleich.

Der Patriarch der koptischen Kirche führt seit alter Zeit den Titel "Papst." Er residiert in Alexandria. Derzeit hat Seine Heiligkeit Shenouda III. dieses Amt inne. Seit der ehemalige Präsident Sadat das Land in den siebziger Jahren zu einem islamischen Staat erklärte, fühlen sich viele Angehörige der christlichen Minderheit benachteiligt. Positionen in öffentliche Ämtern bleiben den Kopten häufig verschlossen, hier sind sie lediglich mit 1,5 Prozent vertreten.

Obwohl für Ägyptenbesucher in der Regel wenig von den Spannungen zwischen Kopten und Muslimen zu spüren ist, kam es im letzten Jahrzehnt immer wieder zu Anschlägen von islamistischen Gewalttätern auf Christen und christliche Einrichtungen. Die "Gesellschaft für bedrohte Völker" (GfbV) berichtet: "Zwischen 1992 und dem Jahr 2000 waren mehrere Hundert Kopten bei Terroranschlägen radikaler Muslime in Oberägypten getötet worden. Zwar sind diese Terrorüberfälle seltener geworden, doch viele Angehörige der Minderheit fühlen sich nach wie vor in Ägypten nicht sicher." Von offizieller Seite soll allerdings der Eindruck vermieden werden, der Extremismus sei nicht unter Kontrolle. Ebenso wie vor touristischen Einrichtungen ist die Polizeipräsenz auch vor Kirchen oder um die koptischen Wohnviertel herum besonders hoch. Seit diese Attacken zunehmen, scharen sich die Kopten enger um ihre Kirche und bringen dies auch äußerlich zum Ausdruck. Viele lassen sich ein kleines blaues Kreuz auf die Hand tätowieren. Die Religion gewinnt eine zunehmende Bedeutung als Identitätssymbol.

Koptische Kirche in Manshiet Nasr (Kairo)

Der Einfluss der Kirche auf das Leben der Menschen steigt und so erfährt auch das koptische Mönchtum eine Renaissance. Verlassene und verfallene Klöster werden wieder in Besitz genommen, restauriert oder neu erbaut. Ägypten ist das Ursprungsland des mönchischen Lebens und mit dem Christentum eng verbunden. Der sowohl von den Kopten als auch von orthodoxen und katholischen Christen verehrte Heilige Antonius gilt als der erste christliche Eremit und Begründer dieser gottgeweihten Lebensform. Im 4. Jahrhundert zog er sich in die Einsamkeit zurück. Das Antoniuskloster liegt einige hundert Kilometer südlich von Kairo in der Wüste. Die Ursprünge des Klosters sollen noch auf die Einsiedelei des Heiligen selbst zurückgehen. Bruder Jusuf kümmert sich um die hier eher seltenen ausländischen Gäste. Früher war er Apotheker in Kairo, vor sechs Jahren begab er sich in die Abgeschiedenheit des Klosterlebens. Er trägt eine grobgewebte schwarze Kutte und die für koptische Mönche typische Wollmütze. Seit die Kirchen in Ägypten wieder einen größeren Zulauf hätten, entschieden sich so wie er auch andere Akademiker für den Rückzug ins Kloster, erzählt der fromme Mann den Reisenden auf deutsch. "Die Mönche haben in Ägypten ein sehr großes Ansehen. Das liegt hier stärker in der geistlichen Tradition", sagt Bruder Jusuf. Für viele Gläubige gehöre es wie selbstverständlich zum religiösen Leben, die Klöster aufzusuchen. Dadurch komme bei einigen der Wunsch auf, selbst Mönch zu werden. Nachwuchsprobleme gebe es nicht. Jusuf stellt Ikonen her. "Das bedeutet Kontemplation", sagt er. Es gehe nicht darum, die Ikonen zu verkaufen, sondern sich in die Malerei von Christus- und Heiligenmotiven zu versenken.

Klosteranlagen und Wüstensand verschwimmen farblich miteinander in einem hell-rötlich lehmigen Ton. Quaderförmige Bauten mit kleinen flachen Kuppeln ragen aus dem Wüstensand empor. Dicke Backsteinmauern sollen das Klosterinnere vor der flirrenden Wüstenhitze schützen. Ein großer Teil der Anlagen wurde kellerförmig in die Erde gebaut. Nur wenig Licht dringt aus den kleinen Fensteröffnungen herein. Einige der Gemäuer sind Hunderte von Jahren alt, andere erst kürzlich wiedererrichtet worden. Ausländer brauchen ein Empfehlungsschreiben des Patriarchats in Kairo, um hier übernachten zu können. Die Schlafräume sind spärlich mit einfachen Bettgestellen aus Holz, wackligen Tischen und Stühlen möbliert. Morgens und abends reichen die Mönche ein kleines Gastmahl aus Fladenbrot, Ziegenkäse, Oliven und Linsensuppe.

Koptische Kirche in Manshiet Nasr (Kairo)

Bereits kurz vor sechs Uhr morgens kommen die ersten Busse zum Kloster. Sie bringen Gläubige heran, die in der Frühe am Gottesdienst teilnehmen wollen. Der Besuch des Klosters sei für die Gläubigen wichtig, um den Kontakt zu ihrer Kirche herzustellen, erklärt Bruder Jusuf. Daher gäbe es unter den Anreisenden auch viele Auslandsägypter, die ihren Aufenthalt im Herkunftsland dazu nutzen würden, ein Kloster zu besuchen.

Weihrauchschwaden durchziehen die nur spärlich beleuchtete Klosterkirche. Der Gottesdienst besteht aus einer Vielzahl von liturgischen Gebeten, klagend anmutenden Heiligenlitaneien und anderen Gesängen. Wenig haben diese orientalischen Klänge mit der heutigen Musik in westlichen Kirchen gemein. Höhepunkt ist die Heilige Kommunion. Die sakralen Handlungen, etwa die Weihung des Brotes und des Weines, werden von den Priestern hinter einer mit kirchlichen Malereien bedeckten Holzwand, der Ikonostase, vollzogen. Den Augen der Gemeindemitglieder bleibt der eigentliche Altarraum verborgen. Mit einem großen silbernen Kelch kommen die Mönche und Priester hinter der Altarwand hervor. Andächtig schreiten die ägyptischen Gottesdienstteilnehmer nach vorn, um die Kommunion in Empfang zu nehmen. Nach koptischer Vorschrift mussten sie dafür 12 Stunden fasten. Auf einem Löffel wird Brot in den Weinkelch getunkt und den Gläubigen in den Mund gereicht.

Bei enem katholischen Friedhof im koptischen Kairo

Anders als in den europäischen Kirchen besteht in der koptischen Kirche nicht der Anspruch, die sakralen Handlungen dem Verständnis der Menschen näher zu bringen. Die Menschen sollen sich selbst dem Geheimnis des Heiligen annähern. Das kann nach Auffassung der Kopten nicht vermittelt werden. Der koptische Gottesdienst zieht sich über mehrere Stunden hin. Dabei herrscht in der Kirche ein reges Kommen und Gehen. Die Menschen unterhalten sich, spazieren herum und wenden sich dann wieder den sakralen Handlungen zu. "Die Gläubigen verlassen sich darauf, dass da schon das richtige, das Heilige passiert", erklärt Bruder Jusuf. "Deshalb müssen sie nicht ständig dabei sein".

In der koptischen Kirche lebt die christliche Mystik, die kontemplative Versenkung in Gebete und Liturgie, viel stärker fort als im Westen. Die Kopten, so schreibt die Ägyptologin Emma Brunner-Traut in ihrem Buch über die ägyptischen Christen, hätten ein an den Anfängen, nicht am Fortschritt orientiertes Zeit- und Geschichtsverständnis. Weder Reform-Renaissance noch Aufklärung seien ihnen begegnet. Das hat ihre Frömmigkeit geprägt, der das pädagogische, predigende Element und die kritische Bibelexegese fremd sind. Die koptische Kirche, die nie zur Staatskirche wurde, hat ihre Traditionen über fast zwei Jahrtausende hinweg unter schwierigen Bedingungen, wie etwa der langen Zeit islamischer Herrschaft, erhalten. Darauf sind die Kopten stolz. "Wir sind die älteste christliche Kirche der Welt" sagt Jusuf. Sie hätten, fügt er hinzu, bis heute an dem Wort festgehalten, dass ihnen Antonius zum Testament machte: "Haltet nicht an auf dem Wege! Hütet euch vor dem Abfall vom Glauben. Bewahret eure Freunde!"

 
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